Diskurs

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Diskurse sind mündliche und schriftliche Äußerungen, die in ihrer Gesamtheit bestimmten Regeln, Normen und Modalitäten folgen, um kollektive Wissens- und Sinnordnungen sowie Bedeutungszuschreibungen in einem gewissen sozialen und historischen Kontext zu stabilisieren. Sie sind somit nicht gleichzusetzen mit einer Diskussion oder Debatte. Diskurse sind "[Äußerungs]Praktiken (….), die systematisch die Gegenstände bilden, von denen sie sprechen"[1] und können so eher als Ströme von Wissen durch die Zeit verstanden werden. Dabei werden Aussagen innerhalb dieses Stroms zum bedingenden Kontext für anschließende Aussagen. So bildet sich ein System mit Reglementierungscharakter. Diskurse sind insofern immer mit Macht verwoben als sie Wissen transportieren, welches kollektives und individuelles Handeln und Bewusstsein speist und die Grundlage für die Gestaltung von Wirklichkeit bildet [2]. Michel Foucault selbst stellt sich die forschungsmethodische Frage, wie man das „monotone, wimmelnde Gebiet des Diskurses"[3] abstufen kann, um diskursanalytisch zu arbeiten. Auch für Siegfried Jäger bildet die Strukturierung des Diskurses – als das Auflösen des „Gewimmels“ [4]– die Grundlage für die Diskursanalyse: Davon, „...was (jeweils gültiges) Wissen überhaupt ist, wie jeweils gültiges Wissen zustandekommt, wie es weitergegeben wird, welche Funktion es für die Konstituierung von Subjekten und die Gestaltung von Gesellschaft hat“ [5]. Diesen Überlegungen folgend wird im Diskursatlas Antifeminismus zwischen den folgenden Ebenen unterschieden: den Diskursthemen, den Narrativen, der Äußerung, dem Diskursereignis und der Diskurskoaliton.

Aussage und Narrativ

Ein zentrales Element der Diskurse, wie sie oben dargestellt wurden, stellen spezifische Narrative, also Erzählverläufe oder "story lines", dar. Mithilfe von Narrativen wird Bedeutung, Sinn oder Identität hergestellt. Durch ihre beständige Wiederholung bieten sie Kohärenz in Fragen der persönlichen Lebensführung, den Annahmen über die Zusammenhänge der Welt. Insbesondere Narrative über die Organisation der Öffentlichkeit, des sozialen und kulturellen Zusammenlebens stehen im Vordergrund des Diskursatlas Antifeminismus [6]. Diese Narrative formen sich aus dem „Gewimmel“ an Aussagen. Um sie herauszuarbeiten, dienen prägnante Äußerungen in Reden oder Texten als Grundlage. Ein Narrativ ist aber mehr als eine einzelne Aussage. Im Narrativ bildet sich eine narrative Tiefenstruktur jenseits der Satzebene ab. Oft besitzen Narrative Episoden, einen Anfang, eine Mitte und ein Ende. Es tauchen handelnde Figuren (Aktanten) auf, und ein Plot verbindet Ereignisse zu einer bedeutungsvollen Erzählung.

Narrative lassen sich daher, zu einem bestimmten Zeitpunkt und in einem bestimmten Kontext, auf eben diese Strukturen und Inhalte untersuchen: Wie ist die Geschichte aufgebaut? Wer handelt? Welche Wertstruktur liegt der Erzählung zugrunde?[7]. Für Narrative über gesellschaftliches Zusammenleben ist besonders interessant, welche Problemstellungen Narrative formulieren und welche Lösungen sie bieten. Zusätzlich lassen sich Narrative in ihrer diachronen Dimension betrachten, also in ihrer geschichtlichen Entwicklung. Wie wurden sie in der Vergangenheit verwendet, welche Veränderung haben sie erfahren? Dabei zeigt sich, dass Narrative sich teilweise überschneiden oder in Verbindungen mit anderem Narrativen auftreten und daher in der Regel gleichzeitig in verschiedene Diskurse eingewoben sind.

Diskursthemen

Die Narrative, welche den antifeministischen Diskurs bilden, sind im Diskursatlas Antifeminismus aktuell entlang von acht Diskursthemen gruppiert. Auf Basis ähnlicher narrativer Bezugspunkte, Inhalte oder Problemstellungen lassen sich die herausgearbeiteten Erzählungen mindestens einem, häufig mehreren, dieser übergeordneten Diskursthemen zuordnen. Da der Diskursatlas ein "Work-in-Progress" darstellt, können sich diese Themen noch ändern oder verschieben. Folgende acht Diskursthemen haben wir vorläufig herausgearbeitet:

Diskursive Ereignisse

Neben Aussagen prägen auch Ereignisse den Diskurs. Streng genommen sind alle Ereignisse diskursiv, da keine Tätigkeit außerhalb eines Diskurses stattfindet. Als diskursive Ereignisse sind daher nur solche Ereignisse zu begreifen, die eine große mediale Wirkung entfalten. Zum Beispiel: die Kernschmelze im AKW Fukushima, die Proteste anlässlich der Öffnung der Ehe 2013 in Frankreich oder die Berichterstattung nach der "Kölner Silvesternacht" 2015.  Also Ereignisse, die die „Richtung und Qualität des Diskursstranges, zu dem sie gehören, mehr oder minder stark beeinflussen“[8]. Die Herausarbeitung von diskursiven Ereignissen ist für die Diskursanalyse auch deshalb wichtig, da sie die Nachzeichnung für den aktuellen diskursiven Kontext ermöglicht, auf den sich ein gegenwärtiges Narrativ beziehen kann.

Diskurskoalitionen

Narrative verschränken, verketten und ergänzen sich und produzieren sogenannte Diskurskoalitionen. Diese umfassen die Potentiale der Überschneidung und Verkettung von Narrativen, sowie der Akteure oder Praktiken, welche diese Narrative artikulieren. Martin Hajer beschreibt Diskurskoalitionen als "...Zusammenspiel aus einer Reihe von Erzählverläufen [Narrativen], von Akteuren, die diese Erzählverläufe äußern, und von Vorgehensweisen, durch die diese Erzählverläufe zum Ausdruck kommen."[9] Diese Koalitionen versucht der Diskursatlas Antifeminismus zu beschreiben, indem er sowohl die Verkettung von Narrativen, als auch die Netzwerke der Akteur*innen ihrer Artikulation abbildet.

Einzelnachweise

  1. Foucault, Michel (1990): Archäologie des Wissens 4. Aufl. Frankfurt a. M.: Suhrkamp. 74
  2. Jäger, Siegfried (2006): "Diskurs und Wissen. Theoretische und methodische Aspekte einer Kritischen Diskurs- und Dispositivanalyse". in: Handbuch Sozialwissenschaftliche Diskursanalyse Band 1: Theorien und Methoden. Wiesbaden: VS Verlag Sozialwissenschaften. 89
  3. Foucault, Michel (1990): Archäologie des Wissens 4. Aufl. Frankfurt a. M.: Suhrkamp. 104
  4. Jäger, Siegfried (1999): Kritische Diskursanalyse. Eine Einführung. 2. Auflage. Duisburg: DISS-Studien. 158f.
  5. Jäger, Siegfried (2006): "Diskurs und Wissen. Theoretische und methodische Aspekte einer Kritischen Diskurs- und Dispositivanalyse". in: Handbuch Sozialwissenschaftliche Diskursanalyse Band 1: Theorien und Methoden. Wiesbaden: VS Verlag Sozialwissenschaften. 83
  6. Viehöver, Willy (2006): "Diskurse als Narrationen" in: Handbuch Sozialwissenschaftliche Diskursanalyse Band 1: Theorien und Methoden. Wiesbaden: VS Verlag Sozialwissenschaften. 181-182
  7. Viehöver, Willy (2006): "Diskurse als Narrationen" in: Handbuch Sozialwissenschaftliche Diskursanalyse Band 1: Theorien und Methoden. Wiesbaden: VS Verlag Sozialwissenschaften. 181
  8. Jäger, Siegfried (1999): Kritische Diskursanalyse. Eine Einführung. 2. Auflage. Duisburg: DISS-Studien. 162
  9. Hajer, Maarten (2008): "Diskursanalyse in der Praxis: Koalitionen, Praktiken und Bedeutung" in: Janning, Frank/ Toens, Katrin (Hrsg.): Die Zukunft der Policy-Forschung. Theorien, Methoden, Anwendungen. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. 218

Literatur

  • Foucault, Michel (1990): Archäologie des Wissens 4. Aufl. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
  • Hajer, Maarten (2008): "Diskursanalyse in der Praxis: Koalitionen, Praktiken und Bedeutung" in: Die Zukunft der Policy-Forschung. Theorien, Methoden, Anwendungen. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften
  • Jäger, Siegfried (1999): Kritische Diskursanalyse. Eine Einführung. 2. Auflage. Duisburg: DISS-Studien.
  • Viehöver, Willy (2006): "Diskurse als Narrationen" in: Janning, Frank/ Toens, Katrin (Hrsg.): Handbuch Sozialwissenschaftliche Diskursanalyse Band 1: Theorien und Methoden. Wiesbaden: VS Verlag Sozialwissenschaften.