Antifeminismus

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Diskursatlas Antifeminismus

Antifeminismus umfasst verschiedene gesellschaftliche Strömungen, Akteur*innen und Netzwerke, die sich in ihren Äußerungen gegen Geschlechterforschung, das Wort "Gender", Feminismus, Frauenbewegungen oder universale Geschlechtergleichheit richten und dagegen mobilisieren. Sie fordern z.B. die Abschaffung des Gender Mainstreaming, der Gleichstellungspolitik oder der Geschlechterforschung, sowie teilweise die Entfernung von Frauen aus öffentlichen Positionen. Sie greifen dabei auf diskursive Mittel der Verdrehung, Beleidigung, Verunglimpfung zurück.

Antifeminismus überschneidet sich mit Geschlechtskonservativismus. Darunter sind z.B. saekulare und rechtsreligiöse Strömungen zu verstehen, die an Geschlechterdualismus und der männlichen Dominanz festhalten wollen und deswegen gegen Geschlechterforschung und Feminismus mobilisieren. Er wertschätzt aber durchaus Frauen in ihrer öffentlichen Rolle und tritt weniger aggressiv auf.

Demgegenüber setzt sich Geschlechter-Kritik inhaltlich (also auch fachlich informiert) mit Geschlechterkonzepten oder Geschlechterforschung kritisch auseinander. Auch ist Geschlechterkritik ein Bestandteil der Geschlechterforschung.


Kennzeichen des Antifeminismus

Der Antifeminismus ist breit gefächert und er wird von verschiedenen gesellschaftspolitischen Strömungen vom Nationalismus, Neonazismus bis zum Neoliberalismus vertreten.[1] Bestimmte Forderungen, die sich oftmals miteinander verbinden, sind kennzeichnend für den Antifeminismus. Kernforderungen sind gegenwärtig die Wiederherstellung ‚natürlicher Geschlechterrollen’, die Festlegung der Frau auf die Mutter- und Hausfrauenrolle im Heim, die Abschaffung sexueller Selbstbestimmung (u.a. durch Erschwerung oder Abschaffung legaler Abtreibungen) und die Marginalisierung von Homosexuellen. Der Antifeminismus beruft sich auf ein biologistisches oder religiöses Geschlechterkonzept und Geschlechtsrollenverständnis.

Auch lehnt Antifeminismus geschlechtliche und sexuelle Vielfalt sowie die Vielfalt von Lebensformen, wie sie heute weithin akzeptiert und gelebt wird, z.T. heftig ab und vertritt einlinige Geschlechterbilder. Diese lassen sich auf die bürgerlichen nationalen Leitbilder des 19. Jahrhunderts zurückführen.[2] Der Mann ist danach zum Bürger und Kämpfer und die Frau zur Mutter und Hausfrau der Nation bestimmt. Das Frauenbild schwankt jedoch zwischen Aufwertung der Mutterschaft und extremer Abwertung (z.B. als „Feminazi“, Mütter/Hausfrauen als „Abzockerinnen“, „irre Lesben“). Auch das Männerbild ist gespalten: Es entspricht der nationalen hegemonialen Männlichkeit; so beschwört es den nationalen Kämpfer und Helden, in rechtsextremen Kontexten den männlichen Beschützer der schutzbedürftigen „blonden, deutschen Frau“. Männer mit Migrationshintergrund oder Homosexuelle werden teils als bedrohlich dargestellt und abgewertet. So erfolgen häufig offene, teils aggressive Angriffe und Mobilisierungen gegen zahlreiche Personen und Gruppen, die nicht dem stereotypen Weiblichkeits- oder Mutterbild entsprechen oder sich für Gleichheit und Feminismus einsetzen. Der rechte Antifeminismus verbindet offenen Sexismus und Rassismus. Im Internet werden sexistische und rassistische Abwertungen, Beschimpfungen und Bedrohungen bis zu Volksverhetzung mit Morddrohungen und Vergewaltigungsaufrufen gepostet. Betroffen davon sind selbstbewusste Frauen, Frauen in Gewerkschaften, Verbänden und Berufsgruppen wie Richter*nnen oder Journalist*innen oder Schauspieler*innen sowie social media activists, Feminist*nnen, Politiker*nnen, gleichheitsorientierte Männer (u.a. als lila Pudel betitelt), schwule Männer, Trans*-Personen und Migrant*innen.[3]

Antifeministische Organisationen

Der Antifeminismus ist in verschiedenen gesellschaftspolitischen und weltanschaulichen Lagern verortet. Zu unterscheiden ist zwischen vorrangig antifeministisch tätigen Gruppen[4][5][6] und breiteren Strömungen wie auch Parteien und Verbänden, die den Antifeminismus in ihre generelle Programmatik einbinden.[7] Unabhängige antifeministische männerrechtliche Kreise (Maskulisten) sind vor allem im Internet aktiv. In Deutschland handelt es sich um eher kleine Zirkel, die sich teils durch hohe Aktivität und Aggressivität im Netz auszeichnen.[8] Unter den breiteren Strömungen sind der Rechtspopulismus und der Rechtsextremismus in Europa, Japan und den USA am wichtigsten. Die rechtspopulistische AfD vertritt antifeministische und antigenderistische Forderungen und Diskurse: Dazu zählen die Abschaffung von Antidiskriminierungs- und Gleichstellungspolitik, des Gender Mainstreaming und der Geschlechterforschung wie auch der Berücksichtigung von Homosexualität in der Sexualpädagogik. Die Familienpolitik soll der Bevölkerungspolitik untergeordnet werden. Im Rahmen dieser „aktivierenden Familienpolitik“ wird u.a. die Stigmatisierung von Menschen, die alleinerziehen, abgetrieben oder sich „schuldhaft“ zur Ehescheidung beigetragen haben, implizit eingefordert. Wie andere rechtsnationale und auch rechtsextreme Gruppierungen kombiniert sie Antifeminismus, Sexismus und Rassismus. Einige führende Frauen im Rechtspopulismus profilieren sich durch die Propagierung nationaler Mutterschaft, Antihomosexualität und Rassismus. Im Rechtsextremismus wird der Kampf gegen den Feminismus und Gleichheit mit dem Ziel der Volksgemeinschaft verbunden, für die die einheimischen Frauen viele Kinder gebären und die einheimischen Männer kämpfen sollen. Demgegenüber blendet der neoliberale Antifeminismus strukturelle Fragen aus und bezieht sich nur auf individuelle Leistung. So greift er Feminismus und Feminist*nnen als ideologisch oder veraltet und die Vereinbarkeits- und Gleichstellungspolitik als Intervention in den Markt an. Rechtschristliche Kreise wollen die Mutter- und Hausfrauenrolle voranstellen, kritisieren die Frauenerwerbstätigkeit und lehnen Homosexualität teils scharf ab. Sie berufen sich eher auf religiöse als biologistische Normen.[9][10][11]

Der gegenwärtige Antifeminismus bezieht sich überwiegend auf die Norm der Gleichheit, interpretiert sie aber in zwei Formen um. Zum Einen behaupten die Maskulist*innen, dass heute Männer Opfer von Frauen oder einer angenommenen ‚Femokratie‘ seien. Dabei blenden sie offensichtliche Ungleichheiten wie den geschlechtlichen Lohnunterschied, die weiterhin ungleiche Verteilung der Hausarbeit und die geringere Teilhabe der Frauen in der Politik aus. Offensichtlich wird zwischen öffentlicher Beteiligung der Frauen überhaupt und Ungleichheit zulasten von Männern nicht unterschieden. Faktisch geht es um Bevorzugung von oder weitere Privilegien für Jungen und Männer, während Gleichstellungspolitik für alle Geschlechter abgelehnt wird. Zum zweiten wird vor allem in den rechtspopulistischen und rechtsextremen Strömungen unter ‚Gleichheit’ die Anerkennung des ‚natürlichen Geschlechtsunterschieds‘ und die Anerkennung der Mutterrolle verstanden. Es handelt sich um Gleichheitsformeln auf der Grundlage von Ungleichheit.[12] Der neue Antifeminismus verwendet ferner häufig eine diskursive Umkehr, wenn er sich auf Freiheit beruft, um Abschaffung von Freiräumen, Kontrolle und Zwang einzufordern und durchzusetzen. So wirft er dem Feminismus eine ‚politische Geschlechtsumwandlung‘ von oben vor, während dieser Frauen und Männern mehr persönliche Freiräume und Vielfalt jenseits der starren Geschlechternormen eröffnen will. Sexualkunde in der Schule soll abgeschafft und die sexuelle Aufklärung allein den Eltern übertragen werden. Ungeachtet der grundgesetzlich verankerten Freiheit der Wissenschaft fordert die AfD, die Geschlechterforschung abzuschaffen, die die Geschlechterverhältnisse und ihre Veränderungen wissenschaftlich untersucht und reflektiert. Statt individueller Gleichheit und Vielfalt werden autoritäre biologistische Zwangsnormen vertreten und individuelle Entwicklung und Vielfalt für Frauen und Männer jenseits biologistisch behaupteter Zwänge werden abgelehnt oder als ‚gaga‘, ‚irr‘ oder pervers abgewertet. Angesichts dieser autoritären Forderungen ist darauf hinzuweisen, dass die Antifeminist*innen für eine klare Minderheit von Frauen und Männern sprechen. Laut Wippermann orientiert sich nur knapp ein Viertel der Männer am geschlechtskonservativen Ernährer-/Hausfrauenmodell (23%); ein Sechstel sind als ‚Lifestyle-Machos’ einzustufen (14%). Je knapp ein Drittel stehen für den neuen Mann» (32%) und den postmodern-flexiblen Mann (31%): Knapp zwei Drittel der Männer wünschen Gleichheit oder zumindest eine selbstbewusste Partnerin.[13] Auch in konservativen Milieus werden heute sexuelle Selbstbestimmung und individuelle Lebensentwürfe weithin akzeptiert.

Der Deutsche Frauenrat und das Bundesforum Männer vertreten mit Gewerkschaften, Kirchen, Frauen- und Männergruppen und Verbänden die große Mehrheit in der Bundesrepublik; sie fordern die Gleichstellungspolitik im Geschlechterdialog offensiv weiterzuentwickeln, um Frauen mehr Chancen in Beruf und Politik und Männern mehr Chancen in Bildung und Familie zu geben.

In Frankreich, Polen und Russland treten massive rechtspopulistische Antifeminismen auf, wobei rechtskirchliche Gruppen einflussreich sind. Diese Kreise vernetzen sich u.a. über die Rechtsfraktionen im EU-Parlament und mit rechtsnationalistischen Gruppen in Russland.[14] In den USA wird der Antifeminismus von drei Strömungen getragen:

  1. Individuelle Männerrechtler und deren Kreise
  2. Rechtsevangelikale und rechtskatholische Gruppierungen, die über beträchtliche finanzielle und Medienressourcen verfügen
  3. Rechte Republikaner und die Tea Party-Bewegung.

Geschichte des Antifeminismus

Der neue Antifeminismus unterscheidet sich sowohl in seinen Gleichheitsformeln wie auch in seiner sozialen Basis von dem bürgerlichen Antifeminismus um 1900. Dieser formierte sich als Reaktion auf den Zugang von Frauen zu höherer Bildung und qualifizierten Berufen und die Forderung nach dem Frauenwahlrecht. In Deutschland fand der Bund gegen die Frauenemanzipation mit seinem Antifeminismus, Antisemitismus und Rassismus breite Resonanz im Bürgertum, auch unter Akademikern, und den Angestellten.[15] Er ging von einer natürlichen Überlegenheit des Mannes aus, die gesellschaftlich und rechtlich durchgehend gesichert bleiben sollte. Geschlechtergleichheit und insbesondere jegliche Vorgesetztenpositionen von Frauen über Männer (etwa als Grundschuldirektorin oder in der Verwaltung) wurden heftig abgelehnt. In der Arbeiterschaft trat ein proletarischer Antifeminismus auf, der die Lohnarbeit von Frauen kritisierte. Die Zweite sozialistische Internationale und die SPF forderten jedoch Gleichheit für Frauen in Lohnarbeit und Politik und der SPD-Politiker August Bebel brachte die Forderungen nach dem Frauenwahlrecht (1895) und der Abschaffung der Strafbarkeit von Homosexualität (1898) in den Reichstag ein.

Insofern besteht keine einfache Kontinuität des gegenwärtigen zum klassischen Antifeminismus, der sich für neopatriarchale Verhältnisse mit durchgehender männlicher Vorherrschaft in Recht und Gesellschaft einsetzte. Der neue Antifeminismus hat die Gleichheitsformeln für Ungleiche übernommen und mobilisiert zugleich für das ungleiche Hausfrauen-/Ernährermodell nach biologistischen Geschlechtsrollen, gegen die sexuelle Selbstbestimmung, besonders die Abtreibung und Sexualkunde, gegen Gleichstellungspolitik und gegen Homosexualität.

weiterführende Literatur zum Thema

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. Rosenbrock, Hinrich (2012): Die antifeministische Männerrechtsbewegung. Denkweisen, Netzwerke und Online-Mobilisierung. Eine Expertise für die Heinrich-Böll-Stiftung. 2. Aufl., S. 22.
  2. Frevert, Ute (2007): Frauen-Geschichte zwischen bürgerlicher Verbesserung und neuer Weiblichkeit. Frankfurt am Main: Suhrkamp
  3. Vgl. Lenz, Ilse (2017): "Geschlechterkonflikte um Gender und Gleichstellung". In: Laubach, Thomas (2017): Gender - Theorie oder Ideologie? Freiburg: Herder, S. 27-48.
  4. Vgl. Claus, Robert (2015): Maskulismus. Antifeminismus zwischen vermeintlicher Salonfähigkeit und unverhohlenem Frauenhass. Friedrich-Ebert-Stiftung.
  5. Gesterkamp, Thomas (2010): Geschlechterkampf von rechts. Wie Männerrechtler und Familienfundamentalisten sich gegen das Feindbild Feminismus radikalisieren. Expertise der Friedrich-Ebert-Stiftung
  6. Kemper, Andreas (Hg.) (2012): Die Maskulisten. Organisierter Antifeminismus im deutschsprachigen Raum. Münster.
  7. Vgl. etwa Kemper, Andreas (2014): Keimzelle der Nation? Familien- und geschlechterpolitische Positionen der AfD – eine Expertise. Friedrich-Ebert-Stiftung.
  8. Vgl. Fussnote 4) bis 7)
  9. Vgl. Laubach, Thomas (2017): Gender - Theorie oder Ideologie? Freiburg: Herder
  10. einzelne Beiträge in Hark, Sabine, Villa Paula (2015): (Hrsg.): AntiGenderismus. Sexualität und Geschlecht als Schauplätze aktueller politischer Auseinandersetzungen, Bielefeld 2015
  11. Kovats, Eszter; Po͂im, Maari (2015): Gender as symbolic glue. The position and role of conservative and far right parties in the antigender mobilizations in Europe.
  12. vgl. ebd.
  13. Wippermann, Carsten (2009): Männer: Rolle vorwärts, Rolle rückwärts? Identitäten und Verhalten von traditionellen, modernen und postmodernen Männern, Opladen u.a.: Barbara Budrich, S. 22 ff.
  14. Vgl. einzelne Beiträge in Hark, Sabine, Villa Paula (2015): (Hrsg.): AntiGenderismus. Sexualität und Geschlecht als Schauplätze aktueller politischer Auseinandersetzungen, Bielefeld 2015; in Kovats, Eszter; Po͂im, Maari (2015): Gender as symbolic glue. The position and role of conservative and far right parties in the antigender mobilizations in Europe; sowie Kemper, Andreas (2014): Keimzelle der Nation - Teil 2. Wie sich in Europa Parteien und Bewegungen gegen Toleranz, Vielfalt und eine progressive Geschlechter- und Familienpolitik radikalisieren. FES.
  15. Planert, Ute (1998): Antifeminismus im Kaiserreich. Diskurs, soziale Formation und politische Mentalität. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht