Gutmenschen

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Diskursatlas Antifeminismus
Diskursthema:
Geschlecht
Bildung Gewalt
Narrativ:
Gutmenschen

Der Ausdruck Gutmenschen findet u. a. als antifeministisches Narrativ in den Diskursthemen Geschlecht, Bildung und Gewalt Anwendung.

Geschichte und Bedeutung des Narrativs Gutmenschen

Geschichte des Narrativs Gutmenschen

Über die Begriffsgeschichte besteht nach Katrin Auer keine Einigkeit:

"Diedrich Diederichsen meint, der negativ konnotierte, aber zuerst ironisch gemeinte Begriff des 'guten Menschen' sei von der deutschen Satirezeitschrift Titanic kreiert worden (Diederichsen 1996, 112). Brigitta Huhnke wiederum nennt Kurt Scheel, den Herausgeber der konservativen deutschen Zeitung Rheinischer Merkur [...] (Huhnke 1999, 22). Doch auch wenn bezüglich der UrheberInnenschaft keine Einhelligkeit herrscht, ist doch die diskursstrategische Funktion der Fremdbezeichnung evident. Inhaltlich gleichermaßen entleert wie die Bezeichnung 'pc', wurde 'Gutmensch' letztendlich ein ebenso diskurspolitisch effizienter Baustein, der als ideologischer Code Bedeutungen regelt und Wertungen bestimmt, die 'die so benannte Person und alles, was mit ihr zusammenhängt, disqualifizieren' (Diederichsen 1996, 116). Gleichzeitig sind Bedeutungsverschiebungen möglich, da Inhalt und Zuschreibungen des 'Gutmenschen'-Begriffes weitestgehend 'aber ausschließllich im negativen Konnotationsspektrum' offen und variabel sind."[1]

Brigitta Huhnke schreibt zur Genese des Ausdrucks Gutmenschen:

"Im deutschen Sprachgebrauch ist "political correctness" eng mit dem "Gutmenschen" verknüpft. Voller Stolz beanspruchte Ende 1997 Kurt Scheel, Mitherausgeber der konservativen Zeitschrift Merkur, Anfang der neunziger Jahre Schöpfer dieses Unwortes zu sein. Die 'Gutmenschen sind solche, die 'Moral' und 'Denkverbote' verteidigen. Doch bereits 1981 führte Botho Strauß das negativ konnotierte 'Gute' ein, in seiner Episodensammlung 'Paare Passanten'."[2]

Bedeutung des Narrativs Gutmenschen

Mit dem meist strategisch genutzten Kampfbegriff Gutmenschen sollen Menschen, die emanzipatorische Ziele verfolgen, als naiv bzw. als heuchlerisch dargestellt werden und damit delegitimiert werden. Der Begriff Gutmensch kann ebenso wie Political Correctness Teil eines rechts- bzw. rechtsextremen Metadiskurses sein.[1] In diesem gilt der Gutmensch als Akteur der Political Correctness.[3]

2015 wurde das Wort Gutmensch gerügt, in dem es zum Unwort des Jahres ernannt worden ist.[4] In der Begründung der Jury heißt es:

"Als „Gutmenschen“ wurden 2015 insbesondere auch diejenigen beschimpft, die sich ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe engagieren oder die sich gegen Angriffe auf Flüchtlingsheime stellen. Mit dem Vorwurf 'Gutmensch', 'Gutbürger' oder 'Gutmenschentum' werden Toleranz und Hilfsbereitschaft pauschal als naiv, dumm und weltfremd, als Helfersyndrom oder moralischer Imperialismus diffamiert. Der Ausdruck 'Gutmensch' floriert dabei nicht mehr nur im rechtspopulistischen Lager als Kampfbegriff, sondern wird auch von Journalisten in Leitmedien als Pauschalkritik an einem 'Konformismus des Guten' benutzt (vgl. z.B. Wolfram Weimer 'Schluss mit dem Gutmenschen-Gegurke', Handelsblatt 11.12.2015). Die Verwendung dieses Ausdrucks verhindert somit einen demokratischen Austausch von Sachargumenten. Im gleichen Zusammenhang sind auch die ebenfalls eingesandten Wörter 'Gesinnungsterror' und 'Empörungs-Industrie' zu kritisieren."[5]

Hinter dem Vorwurf der "Gutmenschlichkeit" verbirgt sich auch der Vorwurf, nicht grausam sein zu wollen. Peter Sloterdijk formulierte dies in einem Interview mit dem Deutschlandfunk im Zusammenhang mit der Migrationspolitik: "Und das ist nun das Hauptproblem: Die Europäer definieren sich selber als gutartig und nicht grausam, und es gibt aber auch eine entsprechende Publizistik, die erste Ansätze zu einer defensiveren oder grausameren Grundhaltung sofort als Zivilisationsschande höchster Größenordnung denunzieren."[6] Björn Höcke, der Sloterdijks Phrase "wohltemperierte Graumsamkeit" in einem Buchinterview 2018 explizit aufnahm und in diesem Sinn "außergewöhnliches Handeln" einforderte, welches "unschöne Szenen" nicht vermeiden könne und dem "eigentlichen eigentlichen moralischen Empfinden zuwider" laufe, machte zugleich klar: "Die Verantwortung dafür tragen dann diejenigen, die die Notwendigkeit dieser Maßnahmen mit ihrer unsäglichen Politik herbeigeführt haben."[7] Mit dem Narrativ "Gutmenschen" soll also die Verantwortung für "grausames Handeln" diesen so bezeichneten zugeschrieben werden.

Äußerungen im antifeministischen Narrativ Gutmenschen

Die folgenden Äußerungen können zur besseren Lesbarkeit des Artikels ein- und ausgeklappt werden.

  • 07.04.2013: Akif Pirincci antwortete auf Kritik[8] an seinem Artikel "Das Schlachten hat begonnen" im Webblog Die Achse des Guten mit dem Artikel “Mit mir nicht, du Vollpfosten!”, in dem es unter anderem heißt:
"Ein aus dem Trog des linksgrün versifften Staatsfunks Radio Bremen saufender Journalistendarsteller [...] hat sich über meinen Text “Das Schlachten hat begonnen” ausgelassen [...] Seine Belege hat er schon in der Tasche, und die stammen aus der politisch korrekten Mottenkiste des dauerverständnisvollen Gutmenschen [...] Nochmal [...] Radio Bremen und andere Möchtegern-Gesinnungsdiktatoren, die ihr immer noch davon halluziniert, dass die Empfänger eurer Botschaften in der Bevölkerung alles schlucken, was ihr da an Lügen verbreitet, ihr habt euch den falschen Gegner ausgesucht. Ich bin weder Eva Herman noch ein verweichlichter Deutscher, der nun den geordneten Rückzug mit allerlei Entschuldigungen antreten wird."[9]
(siehe auch Narrative Rotgrün-versifft, Political Correctness, Gesinnungsstaat)
  • 06.9.2014: Die Junge Freiheit schrieb unter der Überschrift "Gutmenschen mögen Genderdeutsch" unter anderem:
"Gutmenschen mögen Genderdeutsch [...] Der Berliner Medienwissenschaftler Norbert Bolz hat die gutmenschliche Sprachpolizei kürzlich im Deutschlandradio recht treffend beschrieben [...] Derzeit ist das Genderdeutsch dasjenige Gebiet der politisch korrekten Sprache, das die Vordenker der Gutmenschen am heftigsten bearbeiten. Dabei erfahren sie freilich immer mehr Widerspruch. Das können sie jedoch völlig locker sehen, weil sie längst entscheidende Schlüsselstellen in der Politik und an den Universitäten besetzt halten. [...] Statt dessen beschränken sie sich in der Regel auf das Herabwürdigen und Verächtlichmachen ihrer Gegner. [...] Mit Eliten, die einer solchen Unfreiheit das Wort reden, rutscht Deutschland geradewegs in den Totalitarismus ab."[10]
(siehe auch Narrarive: Dritter Totalitarismus, Sprachpolizei, Political Correctness)
  • 30.12.2016: In einer Pressemitteilung des AfD-Kreisvorstandes Darmstadt zum Jahrestag sexualisierter Übergriffe in Köln wird Mariana Iris Harder-Kühnel u.a. mit den Worten zitiert:
"„Die Linke, SPD und Grüne bekämpfen offenbar lieber angebliche Rechtsextreme oder Eltern, die gegen staatliche Frühsexualisierung ihrer Kinder in der Schule und gegen die Gender-Ideologie demonstrieren [...] Das ist auch viel einfacher. Man kann ohne jedes Risiko „Rebell spielen“, ist ein „Gutmensch“ und eckt nicht an."[11]
(siehe auch Narrative: Frühsexualisierung, Gender-Ideologie)
  • 30.06.2017: Harald Martenstein äußerte sich in einem Interview zu Political Correctness und Feminismus u.a. folgendermaßen:

„Verboten ist fast nichts. Bei Themen, die mit Political Correctness zu tun haben, Feminismus oder Genderforschung zum Beispiel, zuckt man in den Redaktionen aber schon zusammen, auch beim Thema Islam. […] Einmal habe ich eine Kolumne verfasst, in dem ich mich über eine feministische Verirrung lustig gemacht habe. Was es genau war, weiß ich gar nicht mehr. Da kam sofort eine so heftige und polemische Gegenreaktion, dass ich dachte: So was musst du öfter schreiben. […] Ein Gutmensch ist etwas Ähnliches wie das, was man früher einen Spießer genannt hat.“[12]

(siehe auch Narrative: Political Correctness, Genderwahn)
  • 25.08.2017: In einem Beitrag zur "Ehe für alle" auf der Internetpräsenz des Fontis-Verlages schreibt die Familienberaterin Regula Lehmann u.a.:
"Eine Minderheit profitiert von ihrer Opferrolle. Wer nicht kooperiert, steht unter Diskriminierungsverdacht. Eine schweigende Mehrheit beugt sich – gegen besseres Wissen und wissenschaftliche Erkenntnisse – der Political Correctness des 21. Jahrhunderts. [...] Was viele Gutmenschen für das Ei des Kolumbus halten, ist letztlich eine Fata Morgana. [...] Die Geschichte des Sündenfalls zeigt auf, was dem Machtstreben und der Diskriminierung tatsächlich zugrunde liegt. Die liebende Einheit von Mann und Frau wird durch die Einflüsterungen der Schlange zum Geschlechterkampf. Dagegen helfen die ausgefeiltesten Gleichstellungsprogramme nichts. [...] Gottes Programm zur Bekämpfung von Diskriminierung und Abwertung heißt nicht Gleichmacherei oder „Gleichbehandlung der Geschlechter“, sondern „Versöhnung“. [...] Einen Frieden zwischen Mann und Frau, der die schöpfungsgemäße Spannung zwischen den Geschlechtern bejaht und fruchtbar macht. Heilung und Widerherstellung statt Flucht in eine triebgesteuerte und im Grunde zutiefst menschenverachtende Sexualität. [...] Was unsere Gesellschaft braucht, ist nicht „Ehe für Alle“, sondern „Christus für Alle“."[13]
(siehe auch Narrative: Lautstarke Minderheit, Komplementarität der Geschlechter, Political Correctness, Gleichmacherei, Promiskuität)
  • 30.06.2018: Jörg Meuthen, Vorsitzender der AfD, äußerte sich beim Bundesparteitag der AfD in Augsburg unter anderem mit den Worten:
"Oh ja, ich wiederhole diesen Begriff ["linksrotgrün-verseuchte 68er-Denke"; Admin], ich werd das noch so lange und immer wieder tun, wie es notwendig ist, die Zeitenwende von dieser Denke durchzusetzen. Das werd ich wieder und wieder tun. Mich haben nämlich eben Pressevertreter gefragt, ob ich wieder von „linksrotgrün-versifften“ sprechen werde, da hab ich gesagt, ich mach das so lange, wie wir das haben, wenn wir das los sind, hör ich auf damit. Haben wir noch ein bisschen Arbeit. Es sind die, die wir oft als „Gutmenschen“ bezeichnen, was ein nicht recht zutreffender Begriff ist."[14]
(siehe auch Narrativ: Rotgrün-versifft)

Verkettungen mit anderen antifeministischen Narrativen

Die oben genannten Äußerungen zeigen, dass das Narrativ Gutmenschen mit folgenden Narrativen verkettet ist, die ebenfalls als „antifeministisch“ identifiziert wurden. Hierbei ist zu beachten, dass ein Ausdruck verschiedene Bedeutungen haben und für verschiedene Erzählungen - also für verschiedene Narrative - stehen kann. Daher findet hier nicht der Ausdruck an sich, sondern eine bestimmte Lesart dieses Ausdrucks, ein bestimmtes Narrativ, nämlich das antifeministische Narrativ, Beachtung.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 Katrin Auer: „Political Correctness“ – Ideologischer Code, Feindbild und Stigmawort der Rechten. (PDF; 103 kB). In: Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft. Band 31, Nr. 3, 2002, S. 291–303 (Heruntergeladen 16.6.2017)
  2. Brigitta Huhnke: "political correctness" - ein Mantra nationaler Erweckung in ZAG 30/1999
  3. Brigitta Huhnke: „political correctness“ – ein Mantra nationaler Erweckung. In: ZAG 30, 1999 (Abgerufen 16.6.2017)
  4. Bernd Matthies: Gutmenschen, das sind immer die anderen im Tagesspiegel, 12.01.2016] (Abgerufen 16.6.2017)
  5. unwortdesjahres.net: Pressemitteilung: Wahl des 25. „Unworts des Jahres“ (Abgerufen 16.6.2017)
  6. Peter Sloterdijk: "Die Europäer definieren sich selber als gutartig". Peter Sloterdijk im Gespräch mit Rainer Burchardt, in: Deutschlandfunk vom 30.07.2015
  7. Björn Höcke 2018: Nie zweimal in denselben Fluß. Björn Höcke im Gespräch mit Sebastian Hennig, Manusciptum-Verlag, Lüdinghausen und Berlin, S. 254f.
  8. Jochen Grabler (2013): Gefährlicher Rassismus. Weblog spricht von Genozid an Deutschen, in: Radio Bremen vom 06.04.2013
  9. Akif Pirincci (2013): “Mit mir nicht, du Vollpfosten!”, in: Achse des Guten vom 07.04.2013
  10. Junge Freiheit: Gutmenschen mögen Genderdeutsch vom 6.9.2014
  11. Pressemitteilung des AfD-Kreisvorstandes Darmstadt: "Zum Jahrestag von „Köln“: Die gefährdete Freiheit der Frauen – Hessische AfD-Bundestagskandidatin kritisiert Schweigen der Frauenrechtlerinnen" vom 30.12.2016
  12. https://www.allgemeine-zeitung.de/panorama/leben-und-wissen/harald-martenstein-im-interview-uber-political-correctness-mainzer-fastnacht-und-feminismus_18002225 Monika Nellessen: Harald Martenstein im Interview über Political Correctness, Mainzer Fastnacht und Feminismus, in: Allgemeine Zeitung vom 30.06.2017
  13. Regula Lehmann: „Ehe für alle“ schützt nicht vor Diskriminierung, in: Internetpräsenz des fontis-Verlag, 25.08.2017
  14. Jörg Meuthen in seiner Rede beim Bundesparteitag der AfD am 30.6.2018 in Augsburg, Phoenix-Kanal bei Youtube, ab Minute 32:20